Anna Felnhofer ist Autorin und klinische Psychologin. In ihrem zweiten Roman »Prosopon« beschäftigt Felnhofer sich mit den psychischen und sozialen Auswirkungen der Gesichtsblindheit – und erzählt eine komplexe, tragische Familiengeschichte.

Beide Facetten ihrer Expertise kommen im Roman hervorragend zur Geltung: Die Ich-Erzählerin schwankt stets zwischen klinischer Distanz und brachialer Verzweiflung. Ihr Sohn liegt im Sterben – und ihr Partner enthüllt sich in vollem Ausmaß seiner gesichtsblinden Unmenschlichkeit.

Was ist passiert, wer ist schuld – und wie soll es weitergehen?


Prosopagnosie oder Gesichtsblindheit kann durch eine Gewalteinwirkung auf den Schädel ausgelöst werden. Diese bewirkt eine Störung im für die Gesichtserkennung zuständigen Areal – die ‚Verschaltung‘ im Gehirn wird so zerschmettert, dass die betroffene Person aus Nase, Augen und Mund kein Gesicht mehr zusammensetzen kann. (S. 31)

Welche Konsequenz dieses Zustandes wohl verstörender sein mag: Die eigenen Liebsten nicht mehr ausmachen oder unterscheiden zu können, das eigene Kind auf der Straße nicht zu erkennen – oder beim Rasieren oder Eincremen vergeblich nach einem Gesicht zu suchen und keins zu erkennen?

Wie funktionieren Emotionen und soziale Bindungen, wenn keine Mimik wahrgenommen und kein Blickkontakt gehalten werden kann? 

Ist ein solcher Mensch überhaupt noch eine Person?

Anna Felnhofer ist Autorin und klinische Psychologin und hat nicht nur zwei Romane sowie etliche Erzählungen veröffentlicht, sondern auch zahlreiche Lehrbücher herausgegeben.

In ihrem zweiten Roman »Prosopon« beschäftigt Felnhofer sich mit den psychischen und sozialen Auswirkungen der Prosopagnosie – und erzählt eine komplexe, tragische Familiengeschichte.

Beide Facetten ihrer Expertise kommen im Roman hervorragend zur Geltung: Die Ich-Erzählerin Johanna schwankt stets zwischen klinischer Distanz und brachialer Verzweiflung. Ihr Sohn liegt im Sterben – und ihr Partner enthüllt sich in vollem Ausmaß seiner gesichtsblinden Unmenschlichkeit.

Was ist passiert? Wie ist es zu Finns Unfall gekommen, wer hat Jakobs Prosopagnosie verursacht – und wie soll es weitergehen?

Ironischerweise ist es just die Brillanz dieses Textes, die ihn so schwer zugänglich machen wird: Johanna gibt zwar zu, bei der Rekonstruktion ihrer Familiengeschichte Bilder und Bruchstücke zu sammeln und fängt ihre Gedankenfragmente oft mit Formulierungen an wie „ich stelle mir vor“ (S. 101, 173) oder „könnte so gewesen sein“ (S. 116, 128) – und wird geradezu dabei ertappt, wie sie dazu tendiert, alles zu ‚vermischen‘ (S. 250).

Und doch gelingt der Versuch, die Bruchstücke zusammenzusetzen, dieser unerklärlichen Tragödie irgendeine Struktur und Kausalität zu geben, mit einer beeindruckenden Disziplin.

Fast entfällt uns sogar, dass hier eine Mutter und Ehefrau beim Zusammenbruch ihrer gesamten existenziellen Architektur gezeigt wird. Denn die große Explosion, die emotionale Eskalation und die wütende Konfrontation bleiben aus. 

Es wird auf der Handlungsebene mit Lebenswegen, informativen Zusammenhängen und einer – Achtung – illusorischen – Präzision vorangegangen, die vom genussvoll filigranen Sprachgebrauch Felnhofers nurmehr untermalt wird.

Die psychologischen Komplexitäten und äußerst unbehaglichen menschlichen Abgründe schweben eigentlich deutlich und konstant als schwarze Wolken am Himmel. Doch will das lesende Gemüt sich zunächst anderen Rätseln widmen – wie etwa den Ereignissen am tragischen Tag des Unfalls, mit dem die Handlung einsetzt.

Da es sich auch sachlich gesehen um die unmögliche Hierarchie konsekutiver Katastrophen handelt, wäre alles andere als eine textuelle Desinfektion fatal für den Umgang mit der Gesamtthematik. Wer also harten Tobak mag, gerne in schönster Sprache gewobene Sätze zweimal leise und dann noch einmal laut liest und psychopathologische Reflexionen nicht scheut, muss dieses Buch lesen. 

»Prosopon« ist klug, schwierig – und phänomenal gerade aufgrund seiner kompositorischen Skoliose und seiner episodischen Langatmigkeit.

Wer lieber zu linearen Konstruktionen greift und dysfunktionale Familiendynamiken eher anstrengend findet, sollte Anna Felnhofers Buch zweifelsohne meiden.

Lesenden mit hohen Ansprüchen, die Werke von Dorothee Elmiger, Marlene Streeruwitz, Vigdis Hjorth oder Aude schätzen und genießen, empfehle ich diese literarische Herausforderung allerdings mit Nachdruck.


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