»Der goldene Faden« von Han Kang (Ü: Ki-Hyang Lee) ist eine wunderschöne Ergänzung zum Gesamtwerk der Autorin; ein merkwürdiger, einzigartiger, zum Nachdenken anregender Œuvre-Schnörkel.

Doch als Einstiegswerk oder gar zweites Buch der Nobelpreisträgerin ist diese Sammlung in meinen Augen eine ganz und gar ungeeignete Lektüre.


Ein »Nobelpreis«-Aufkleber bedeutet, dass ein Buch sich gut verkaufen kann, richtig? 

Egal wie der Inhalt eigentlich so ausfällt?

…dachte ich mir erstmal bei dieser Lektüre. Was ist denn das – kein Roman, keine Erzählung, keine Geschichte?

Hang Kang erhielt den Literaturnobelpreis 2024 – nicht für einen bestimmten Roman, sondern für ihr Gesamtwerk: »für ihre intensive poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens offenlegt.«

»Der goldene Faden« besteht aus ihrer Dankesrede für den Preis, gefolgt von einigen Fragmenten und Gedichten; im zweiten Teil ergänzt durch ein knapp gehaltenes Tagebuch, bestehend aus Einzeilern und verstreuten Gedanken aus dem Alltag eines Gartens.

Das kann es ja wohl nicht gewesen sein, dachte ich mir. Da muss doch mehr dahinterstecken?

Nach und nach, stückeweise, habe ich begonnen, dieses Buch anhand seiner Einzelteile zu analysieren. Zunächst darüber zu sinnieren, was Han Kang in ihrer Dankesrede über ihr Schreiben berichtet – welche Zusammenhänge, welche thematische Sukzession und welcher größere Sinn dahinter steht.

Wie nicht nur die einzelnen Bücher aufgebaut und geschrieben sind, sondern wie sie goldene Fäden durch ihr gesamtes bisheriges Erzählwerk gezogen hat und wie organisch diese Verknüpfungen in einer Kombination von Biografie, Reflexion, Neugier und Erkenntnis entstanden sind.

Denn diese Autorin, die ich bereits nach einer einzigen Lektüre stark bewunderte und nach dem zweiten Buch auch mit großem Interesse betrachtete, skizziert nicht nur in jeder ihrer Veröffentlichungen große Fragen und Brennpunkte, sondern nähert sich mit ihrem Gesamtwerk schrittweise einem zeitlosen Ziel.

Teile der Dankesrede für den Nobelpreis, in denen Kang über mir noch nicht bekannte Romane spricht, habe ich überflogen, da ich noch vorhabe, sie zu lesen und den Inhalt mit frischen Augen entdecken möchte. Doch die Muster tiefgründiger zu erkunden, die den bereits vertrauten Texten zugrunde liegen, habe ich genossen.


»Der goldene Faden« erinnerte mich an Werke wie »Der Duft der Blumen bei Nacht« von Leïla Slimani – eine Sammlung literarischer Betrachtungen und biografisch gefärbter Essays, deren wahrer Wert nur von denjenigen erschlossen werden kann, die auch die besprochenen Bücher, Figuren und Geschichten gut kennen. Deren Tiefen nur denjenigen ersichtlich werden, die auch mitreden können und nicht nur mitlesen möchten.

Denn obwohl die Bestandteile von »Der goldene Faden« einen eigenen Wert besitzen, gehören sie eigentlich zum Erzählwerk dazu und sollten meiner Meinung nach weder als Einleitung noch Ergänzung, sondern eher als Nachwort und Epilog des Bisherigen gelten.

Insofern können sie auch bei größter literarischer Begeisterung für die Autorin erst ab einem gewissen Punkt – nach einem initialen Kennenlernen des Erzählwerks – in Gänze genossen werden.


Ja – die Fragmente, Gedichte und das Gartentagebuch lehren auch denjenigen von uns, die bisher nur »Die Vegetarierin« verschlungen und geliebt haben, etwas darüber, wie ein Mensch zur Pflanze werden kann. Doch als zwei-Buch-Kangianerin merkte ich, dass die flüchtigen Zeilen mich nicht so fest packten, wie sie es hätten tun können.

Fazit: »Der goldene Faden« ist eine wunderschöne Ergänzung zum Gesamtwerk von Han Kang; ein merkwürdiger, einzigartiger, zum Nachdenken anregender Œuvre-Schnörkel.

In meinen Augen bietet das Buch allerdings erst in einer Position ab Lektüre Nummer vier denjenigen Zugang zu den Gedanken und Texten der Nobelpreisträgerin, der diese Sammlung wirklich als goldenen Faden erscheinen lässt. Als Einstiegswerk oder zweite Leseerfahrung einer absolut fantastischen Autorin bliebe diese tiefe Bereicherung meines Erachtens unerkannt.

Daher verbleibe ich derzeit mit neutralem Gemüt, da mein lesender Blick nur einzelne Stiche des goldenen Fadens erhaschen kann.

Welchen Roman von Han Kang sollte frau unbedingt gelesen haben – und was ist Dein Lieblingsbuch der Nobelpreisträgerin? Ich freue mich auf Deine Gedanken.


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