Eine Schriftstellerin zieht sich in ein abgelegenes Haus zurück, um ihren neuen Roman fertigzuschreiben. Doch der Wald hat andere Pläne.
Elli Hajek ist erfolgreiche Autorin – doch ihren Büchern fehlt ein gewisses Etwas. Um mit ihrem neuesten Roman den Höhepunkt ihres Schaffens zu erreichen, hat Elli sich dazu entschieden, vollständig abseits in einer Blockhütte zu leben und zu arbeiten. Die verwachsene, verwilderte Waldkulisse soll ihr die notwendige Ruhe und das Gefühl der Einsamkeit bieten.
Zwei Bindungen buhlen um Ellis Gedanken – die Sorge um ihre erwachsene Tochter, die in ihrer Selbstständigkeit aufgeht und die Kontakte mit der Mutter minimieren möchte; und die Gefühle ihres Partners, der trotz alleine getroffenen Entschlusses zum Umzug noch Nähe und Rückkoppelung zu Elli sucht.
Während Elli sich mühsam an ihr Schreibziel heranarbeitet, lässt der Wald Erinnerungen in ihr wach werden – denn in ihrem tiefsten Herzen schlummern andere Geschichten als im Manuskript skizziert.



Düster, intim und schmerzvoll ist die eigene Vergangenheit, von der Elli sich distanzieren möchte. Doch je tiefer sie sich in den Wald traut, desto unmöglicher gestaltet sich die Umkehr.
Alles beginnt mit Viktorka, einer Märchenfigur aus Ellis Jugenderinnerungen. Auf einem Waldspaziergang wird die Protagonistin von einer intensiven Vision heimgesucht – und beginnt, die wahren Begebenheiten hinter einer tragischen Legende zu untersuchen.
Doch während Elli über die Kunstfigur Viktorka und die Biografie ihrer Urheberin – die bekannte tschechische Schriftstellerin und Sammlerin Božena Němcová – recherchiert und sinniert, vermischen sich Märchenbilder mit Momenten aus ihrer eigenen Jugend.
Denn Elli hieß früher anders, wuchs in einem fernen Land auf – und hat mit ihrer Flucht ihre allerliebste Person verraten.
Sachlich betrachtet wird hier erneut nach gleichem Rezept gekocht. Die narrative Struktur erinnert in vielerlei Hinsicht an »Marschlande«, wenngleich Ort und Zeit andere sind: eine souveräne, kreative, von düsteren Landschaften angezogene Protagonistin auf der Suche nach historischen Wahrheiten hinter Märchen, Sagen und Legenden; eine triste Geschichte über den gewaltvollen Umgang mit Frauen in früheren Jahrhunderten; sonderbare, geisterhafte, mysteriöse ältere Figuren, die der Erzählwelt zusätzliche Tiefe, Dynamik und eine makabre Echtheit verleihen; ein am Rande existierender, schwach gefärbter Partner, der als Helferfigur gerade so eine Rechtfertigung im Plot findet – und die Auseinandersetzung der Protagonistin mit den Konventionen ihrer zeitgenössischen sozialen Rolle im Vergleich zur tragischen Heldin der untersuchten Sagenmaterie.
Nicht zu vergessen die mit reichlich Haptik und Klangmalerei ausstaffierten Brontë’schen Landschaften, stets in hohen Kontrasten und kühlen Tönen gestaltet.
So schablonenhaft sich diese Beschreibungen für Skeptikerinnen einordnen lassen würden, möchte ich meinerseits an dieser Stelle betonen, wie großartig und fesselnd Jarka Kubsovas Werke sind. »Im Licht des neuen Tages« packt, fesselt, fordert, fliegt – und lässt Lesende bis zur letzten Seite nicht los.
Dass eine Autorin ihre Nische gefunden hat und diese nun nach und nach meisterhaft mit Romanen ausschmückt, die in weitestgehend unentdeckten Ecken stattfinden, mindert die regelmäßige Schnappatmung während einer neuen Lektüre nicht im Geringsten. Vergleichsmomente erfreuen, da sie zu einem anderen hervorragenden Buch von Kubsova zurückführen und ergänzende, schöne Erinnerungen evozieren.
Ich verbleibe nach dieser Lektüre also als eindeutig begeisterter Stammgast an Jarka Kubsovas literarischer Tafel.
Jetzt bei Genialokal bestellen & den unabhängigen Buchhandel unterstützen




Hinterlasse einen Kommentar