
Es brüht in mir schon seit langer Zeit der Wunsch, in diesem Blog über aktuelle Lektüren hinauszugehen und den Dialog zwischen bloggenden, lesenden, grübelnden, reflektierenden Personen – also mit euch, zu erweitern. Daher wird unter der neuen Kategorie „Panorama“ ab und zu eine kleine Rundschau bezüglich Lektüren außerhalb der gelesenen Romane und mich aktuell beschäftigende Themen erscheinen.
Heute führe ich meine Gedanken zu einem sehr anregenden Beitrag aus dem bionoema Blog aus und beantworte die Frage: bin ich wirklich politisch?
Als Community-Austausch beteilige ich mich bereits an der die Montagsfrage, doch geht es dort um den Austausch rund ums Thema Literatur, was selbstredend nicht immer meinen aktuellen Grübeleien entspricht. Daher werde ich ab und zu auch hier eine gedankliche Rundschau abseits der aktuellen Lektüren ausführen.
Mein primärer Beweggrund ist der gehaltvolle Austausch mit euch, der in diesem Blog vorrangig bei den Montagsfragen zustande kommt. Außerhalb der bekannteren Klassiker ist es nachvollziehbar, dass nicht jede:r immer die von mir besprochenen Neuerscheinungen gelesen hat – zumal die „literarischen Abenteuer“ sogar primär Empfehlungen zu Büchern geben sollen, die man noch nicht kennt.
Da auch ihr euch gerne an diesen Fragerunden und Meinungsposts beteiligt, freue ich mich nun sehr auf einen weiteren Dialog! :-)
In einem ähnlichen Rahmen findet auf meinem Instagram-Kanal bereits ein monatlicher Community-Austausch statt, der sich über aktuelle Lektüren und die literarische Landschaft auch auf Alltägliches innerhalb der Plattform bezieht. Die Videos dort sind allerdings mit Zeitmarkern versehen, Du findest also sofort eine Übersicht und kannst Dich bei Interesse zum Thema Deiner Wahl hinklicken.
Nun jedoch zum Thema des Tages. Heute teile ich meine Gedanken zum Beitrag „Ich bin politisch„, verfasst von Jule im bionoema Blog.
Worum geht es?
Jule fasst in ihrem Beitrag zusammen, wie man ‚politisch‘ definieren und verstehen kann, welche Formen des politischen Agierens es gibt, warum jeder kritisch denkende Mensch im einen oder anderen Format politisch ist – und hinterfragt neueste Ansätze zur Diskussionsrunde #klartexten auf Bookstagram.
Was bedeutet eigentlich ‚politisch‘?
Wie Jule bereits festgestellt hat, spaltet sich die Begriffsdefinition des Wortes ‚politisch‘ auf die Parteilandschaft und die Tätigkeiten in Rahmen dieser einerseits, und auf die Gemeinschaft, das Umfeld und die Gesellschaft eines Individuums bezogene Positionen und Aktivitäten.
„Diese muss jedoch nicht allein das jeweilige Parteienspektrum widerspiegeln, sondern kann sich auch anhand gesellschaftlicher und globaler Problemfelder und Theorien orientieren: Gleichstellung, Feminismus, Tierschutz, etc.“
Ich finde es ebenso wichtig, diese Differenzierung direkt vorzunehmen. Obgleich ich es persönlich als relevant und klug einschätze, den Dynamiken, Diskussionen und Entwicklungen bezüglich Parteien und Politikern nicht nur in Deutschland, sondern in Europa und der restlichen Welt zu folgen – ja, auch über dem Twitter-Tellerrand hinausblickend – lasse ich mich weder in die Links-Rechts-Kommode einordnen, noch sehe ich traditionelle Verschachtelungen als tragend, da sich sowohl im wissenschaftlichen als auch im soziokulturellen Bereich zunehmend Mischformen entwickeln, die binäre Strukturen in allen Bereichen bereits sprengen oder sprengen werden.
Ich bilde mir eine reflektierte Meinung zu Tagesthemen, lese Tageszeitungen, vertrete meine Positionen und versuche Dialoge mit anderen möglichst konstruktiv fortzuführen. Ich setze mich auf meinen Plattformen und in meinem Bekanntenkreis für Diversität, Bildung, kritisches Denken, Gleichheit, Solidarität, Tierrechte und liberale Prinzipien ein, um mal sehr grobe Linien um das zu ziehen, was eine Einordnung meiner Überlegungen sein soll.
Im Verständnis von ‚politisch‘ als Kombination von „klug und berechnend“ (Duden) und als „Willensbildung und Entscheidungsfindung über Angelegenheiten des Gemeinwesens“ (Wiki) ergibt sich, dass eine überlegte Meinungsäußerung zu gesellschaftlichen Angelegenheiten an sich bereits politisch sein muss. Es liegt zwar einerseits an dem Sender, der Nachricht einen solchen Kontext anzuhängen – dennoch ist allenfalls die Möglichkeit für den Empfänger, eine politische Zuordnung des Senders zu tätigen, bereits vorhanden.
Ganz einfach ist hier die Orientierung an Aristoteles‘ Zoon politikon herzustellen, ein „auf die Gemeinschaft hin bezogenes Wesen“ (DWdS), die polis im Sinne einer „Gemeinschaft von Bürgern“ (Tocqueville-Handbuch).1 Auch wenn ich mich kurz mit meinem Nachbarn unterhalte, während ich den Müll rausbringe: unsere Dialoge beziehen sich automatisch auf Themen wie Infrastruktur, Familie, Bildung, Medien – sobald man den Smalltalk thematisch und institutionell zuordnet, wird die Unterhaltung bewusst politisiert. Unbewusst ist sie es sowieso.
Nun ist die fortlaufende Reizüberflutung bei einer reflektierten Meinungsbildung kaum hilfreich, was Jule als Krux der Diskussionsansätze sieht – im Folgenden geht es ihr zwar konkret ums Kollektiv #klartexten, die Problematik kann jedoch ohne Weiteres als allgemeingültig behandelt werden:
„Diese Auseinandersetzung, das Abwägen und Diskutieren kommen aber – insbesondere auf Social Media – stetig zu kurz. Wir werden z.T. überrollt, von einem Konflikt auf den anderen und werden kontinuierlich aufgefordert, Stellung zu beziehen.“
Hier deckt sich interessanterweise eine Unterhaltung, die ich vor Kurzem mit Jens von #kkl Magazin auf YouTube geführt habe: Sprache und Medien haben eine immense Menge an Macht und Einfluss – allerdings immer nur so viel, wie der Empfänger ihnen gibt.
Solange der Leser weiß, dass Quelle, Autor, Positionen und mögliche Agenden einer Publikation recherchiert, erkannt und zuordnet werden sollten, ehe die Nachricht verarbeitet wird, kann er Medien kritisch beurteilen. Ohne Bedenken zugegeben: Die kontinuierliche Überrollung mit „neuen“ „aktuellen“ Brennpunkten ist anstrengend, herausfordernd und zunehmend unübersichtlich.
Schon deswegen lohnt es sich, Lesezeichen zu speichern, Texte mehrmals zu lesen, Informationen sich auf dem Boden des Geistes setzen zu lassen, das Tablet wegzulegen und Zeit für die Reflexion des Empfangenen nicht nur zu nehmen, sondern zu verlangen.
Die Angst, neue Informationen in der twitterfreien Toilettenpause zu verpassen (gibt es noch welche unter euch, die das Smartphone nicht dorthin mittragen?), reduziert sich schlagartig, wenn man 24 Stunden ohne Social Media verbringt. Probiere es aus – es wird Deinem neuronalen Netzwerk sofort guttun und in langer Sicht auch Dein Zeitmanagement erleichtern.
Und nun bin ich sehr gespannt auf den Dialog zum Thema.
Wie gehst Du mit dem Begriff ‚politisch‘ um und wie verstehst Du ihn vorrangig?
Ist ein gemeinschaftliches Engagement immer politisch?
Ist es heutzutage noch möglich, nötig – oder klug, sich explizit links oder rechts einzuordnen?
Kann oder sollte man auch als kritisch denkender Mensch unpolitisch existieren?
Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr.
1 – Kein Blatt ist unbeschrieben – schon bestimmt nicht ein so altes. Über Aristoteles‘ Gedanken zur Sklaverei als natürlichen Zustand oder die natürliche Hierarchie in der Familie kann man grundsätzlich auch diskutieren, aber das würde hier den Rahmen des Gegebenen sprengen. Auch Jule zitiert Philosophen, die zeitgleich als Misogyn abgetan werden können, wenn man sie als Leser:in in 2021 zur Lektüre berücksichtigt. Ihre politischen Überlegungen entstanden jedoch aus dem Kontext ihrer Zeit und sind in diesem Sinne mehr als erhellend. Hier könnt ihr weiterführendes zu Aristoteles recherchieren, sollte das Thema von Interesse sein. Ich möchte nur signalisieren, dass die Erwähnung des Philosophen nicht aufgrund einer „schnellen Google-Suche“ entstanden ist, nur weil Wikipedia als Quelle benutzt wurde.
Der ursprüngliche Beitrag im Bionoema Blog: „Ich bin politisch“
Duden: politisch
DWdS: Zoon politikon
Tocqueville-Handbuch, 19: Aristoteles
Google Scholar: „Aristoteles“ und „Sklaverei“
Wikipedia: Politik
Mehr aus diesem Blog:
Die Montagsfrage #123 – Nochmal gelesen – und vollkommen anders?
DiskursDialog, 3.1: Die Struktur des künstlerischen Textes. Text und System.
Literarische Abenteuer. Der Lesemonat im Rückblick, 05/2021
Lesen – sehen – hören – verknüpfen:
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